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Detailansicht der Sonne im Licht der Hα-Linie aufgenommen mit dem Lunt LS50 THα-Sonnenteleskop und einer ZWO ASI 178MM-Kamera: Das etwa 630.000 km lange Filament zwischen den Aktivitätsregionen (AR) 13092 und 13093 ist besonders auffällig. Im Südosten erkennt man am Sonnenrand auch eine Protuberanz, die in ein Filament auf der Sonnenscheibe übergeht.

Protuberanzen sind Materieströme auf der Sonne, die besonders am Sonnenrand durch ihre bogenförmige Struktur im roten Licht der Hα-Linie beeindrucken. So auch geschehen am 5. September während einer spontan veranstalteten Sonnenbeobachtung. Ein Blick durch das 50 mm Hα-Teleskop am Sonnenturm der Sternwarte zeigte bei 13 mm Okularbrennweite eine aktive rote Sonne. Doch es waren nicht die Protuberanzen am Sonnenrand, sondern eine dunkle, fadenförmige Struktur auf der südlichen Sonnenscheibe, die auf den ersten Blick wie ein Haar auf der Optik erschien. Schnell stellte sich aber heraus, dass es sich um ein Filament handelt: Eine Protuberanz auf der Sonnenscheibe, die praktisch einige 10.000 km über der brodelnden Sonnenoberfläche dank magnetischer Kräfte schwebt. Der teilweise ionisierte Wasserstoff dieses Plasmaschlauches war etwa 630.000 km lang und der Durchmesser betrug bis zu 20.000 km. Protuberanzen und Filamente sind physikalisch ein und dasselbe chromosphärische Phänomen, das nur aufgrund von Kontrastunterschieden unterschiedlich wahrgenommen wird.

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Verschiedene Ansichten der Sonne am Nachmittag des 05.09.22 aufgenommen mit dem 72/432 Williams ED-Refraktor des Sonnenturms und einer ZWO ASI 178MM-Kamera. Links: Bild der Sonne im sichtbaren (grünen) Licht des Solar Kontinuum-Filters (540 nm). Gut erkennbar sind die Sonnenflecken der Photosphäre in den Aktivitätsregionen (AR) 13094 und 13092. Mitte: Bild der Sonne im blauen Licht der Ca K-Linie bei 393 nm. Die Sonnenfackeln kommen hier in der Chromosphäre deutlich zum Vorschein – parallel zum Sonnenäquator, der sich links unten vom Südosten über die Bildmitte nach rechts oben im Nordwesten erstreckt. Auch die Sonnenflecken sind noch erkennbar. Rechts: Bild der Sonne im roten Hα-Licht (656,3 nm) aufgenommen mit dem Lunt LS50 THα-Sonnenteleskop und einer ZWO ASI 178MM-Kamera. Hier sind die Sonnenflecken nicht so prominent – dafür aber das Filament zwischen AR 13092 und 13093.

Nach der visuellen Beobachtung folgte die fotografische Dokumentation. Alle Aufnahmen der Sonne wurden mit einer S/W-Kamera im Videomodus gemacht. Diese hat gegenüber einer Farbkamera eine höhere Empfindlichkeit und Auflösung. Auf eine nachträgliche Einfärbung wurde verzichtet, da damit kein weiterer Informationsgewinn für strukturelle und kinematische Untersuchungen gegeben ist. Mit Belichtungszeiten unter 1/30s konnten wir das teilweise üble Seeing gerade noch in den Griff bekommen. Da aber nachmittags die Sonne über das ausgefahrene Dach steht, dominiert das lokale Seeing des im Temperaturausgleich befindlichen Rolldachs die Bildqualität. Messungen haben gezeigt, dass die besten Sonnenbilder am frühen Morgen über die idealerweise schneebedeckten Felder gemacht werden können.

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Eine Besucherin versucht ein Bild der Sonne im sichtbaren Licht mit einem Smartphone zu machen. Dies ist trotz der Smartphonehalterung nicht immer ganz einfach, weil der Helligkeitsunterschied zwischen Sonnenflecken und Sonnenscheibe sehr groß ist. Wir empfehlen eine Abdunklung z.B. durch eine Rettungsfolie und die Anwendung einer App, mit der die Belichtungszeit manuell eingestellt werden kann.